Stefan Walt

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Stefan Walt ist Beauftragter des Stadtrats für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderung. Er ist sehr kulturinteressiert, liebt das Kino und Theater und hat eine Passion für das Gemeinschaftliche Wohnen. Im Moment ist er dabei, seine 250 neuen MitbewohnerInnen in der Genossenschaft Kalkbreite kennenzulernen.

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Es war vor 30 Jahren. Ich wollte in der Nacht draussen Holz holen gehen. Ein Fehltritt und ich fiel eine Felswand runter. Dies war in der Zeit einer beruflichen Findungsphase. Nachdem ich meinen alten Job aufgegeben hatte, arbeitete ich in verschiedenen sozialen Projekten – damals auf einer Alp.

Als Paraplegiker musste ich meine berufliche Zukunft erneut überdenken: was kann ich, was will ich, worauf habe ich Lust. Abgesehen davon, dass die IV einem 22 Jahre jungen Querschnittgelähmten nicht einfach 40 Jahre eine volle Rente zahlen kann, ist der Beruf ein wichtiger Teil der Wiederfindung im Alltag – im Leben. Einfach nur herumsitzen tut weder dem Körper noch dem Geist gut. Ich wollte aber nicht einfach irgendetwas Langweiliges machen. Ich wollte etwas tun, das mich herausfordert und mir Freude bereitet. Das will letztlich jeder in seinem Beruf, ob behindert oder nicht.

Beim alten Arbeitgeber wieder einsteigen wollte ich nicht

Als Querschnittsgelähmter kann man versuchen, beim alten Arbeitgeber wieder einzusteigen. Im kaufmännischen Bereich ist das auch im Rollstuhl ohne weiteres machbar. Dabei wird man von der Berufsfindungsabteilung am Zentrum für Paraplegie Balgrist unterstützt, die eng mit der IV zusammenarbeitet. Die IV sorgt dafür, dass am Arbeitsplatz die nötigen Anpassungen gemacht werden.

Ob man wieder in den alten Beruf einsteigen kann oder überhaupt noch eine Stelle findet, hängt im Wesentlichen vom Grad der Lähmung und dem Ausbildungsniveau ab. Bei Tetraplegikern muss man schauen, was noch möglich ist. Ich kenne einen Tetraplegiker, der eine eigene Autogarage hat und seit dem Vorfall nicht mehr als Automechaniker tätig sein kann, sondern nun im administrativen Bereich der Autogarage. Als Handwerker oder schlecht ausgebildete Arbeitskraft ist es schwierig, etwas Neues zu finden.

Ich selbst hatte eine Lehre als Polygrafiker absolviert. Für mich war aber von Anfang an klar, dass ich nicht mehr in den alten Beruf zurückwollte. Ich hätte gerne an der Universität studiert, aber dazu hätte ich die Erwachsenenmatura nachholen müssen, wozu die IV nicht zu zahlen bereit war. Ein Studium an der Fachhochschule war dazumal auch ohne Berufsmatura möglich, weshalb ich mich für diesen Weg entschied. Mich faszinierte der Studiengang „Soziale Arbeit“, da darin verschiedene Bereiche abgedeckt werden, von sozialwissenschaftlichen Themen über rechtliche Aspekte bis hin zur Psychologie. Auch das Thema „Arbeit – berufliche Findung“ interessierte mich schon immer.

Ich bin ja nicht auf den Kopf gefallen!

Es war schwer, nach dem Studium eine Stelle zu bekommen. Einen neuen Arbeitgeber zu finden, der bereit ist jemanden mit einer Behinderung anzustellen, ist schwierig. Ich brauchte viel Überzeugungskraft, um klarzustellen, dass ich genau gleich gut bin und meine Arbeit gleich gut erledigen kann wie jemand, der nicht im Rollstuhl sitzt. Ich bin ja nicht auf den Kopf gefallen! Arbeitgeber aber denken oft: ja, geht denn das? Ich habe die Bewerbung eines anderen vorliegen, nehme ich doch den, dann muss ich mir nichts überlegen. Ich hatte dann doch Erfolg: meine erste Stelle nach dem Studium war bei einem Anbieter von Wiedereingliederungsprogrammen für Arbeitslose, den ich über eine Bekannte kennen gelernt habe. Beziehungen sind bei der Wiedereingliederung eine grosse Hilfe. Auch wenn man eine Stelle gefunden hat ist es wichtig, sich weiterzubilden. Ich machte die Ausbildung zum eidgenössisch diplomierten Erwachsenenbildner und anschliessend ein Nachdiplomstudium zum Weiterbildungsmanager. Anschliessend war dann mehr in der Konzeptionierung und Kursplanung als in der Platzierung von Arbeitskräften tätig. Als ich nach vielen Jahren in diesem Beruf eine Pause einlegte und daraufhin versuchte, wieder in diesen Bereich einzusteigen, fand ich mich mit weiteren Schwierigkeiten konfrontiert. Da die Arbeitslosigkeit abgenommen hatte, waren nicht mehr so viele Stellen im Kontext der Arbeitslosen – Wiedereingliederung auf dem Markt, was den Wiedereinstieg zusätzlich erschwerte.

Neue Aufgabe als Beauftragter für die Behindertengleichstellung der Stadt Zürich

Als Praktikant bei der Stadt Zürich gelang mir – wieder mit Hilfe von Bekannten – der Wiedereinstieg. Ich arbeitete für ein halbes Jahr zum Praktikantenlohn und wurde dann festangestellt. Dort hörte ich vor vier Jahren vom neuen Legislaturschwerpunkt „Gleichstellung von Menschen mit Behinderung in der Stadt Zürich“. Drei Personen sollten mit der Aufgabe betreut werden, die Gleichstellung von Menschen mit Behinderung innerhalb der Stadt Zürich voran zu treiben. Ich bewarb mich sofort und wurde zu meiner grossen Freude als Beauftragter des Stadtrates für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderung angestellt. Unser Ziel ist es, innerhalb der städtischen Departemente Projekte zu begleiten und die Stadtverwaltung für das Thema zu sensibilisieren. Ich begleite Projekte im öffentlichen Verkehr (letztens musste ich eine neue Bushaltstelle testen), im Hoch- und Tiefbau oder auch zum Thema Arbeit. Wir wollen dafür sorgen, dass mehr Menschen mit Behinderung angestellt werden.

Seit vier Jahren setze ich mich also voller Begeisterung drei Tage in der Woche für andere Menschen mit Behinderung ein. Ich arbeite nicht Vollzeit, weil man als Paraplegiker einfach mehr Zeit braucht für alltägliche Dinge wie das Anziehen oder den Haushalt. Es gibt auch Querschnittgelähmte, die 100 Prozent arbeiten. Mir ist aber meine nebenberufliche Tätigkeit auch wichtig. Eine grosse Leidenschaft von mir ist das Thema Gemeinschaftliches Wohnen.

Wenn ich jetzt zurückblicke, würde ich in etwa alles wieder gleich machen, auch wenn der Unfall nicht passiert wäre. Ich hoffe mein Erfahrungsbericht konnte anderen Querschnittgelähmten aufzeigen, dass man trotz Hindernissen ein erfülltes Arbeitsleben führen kann. Was sind eure Erfahrungen? Welchen Weg habt ihr nach dem Vorfall eingeschlagen? Habt ihr den Weg zurück ins Arbeitsleben gefunden?

 

Kommentare (1)

  • Emina Kovacevic am 07. Jan 2016 um 14:22 sagt:

    Guten Tag Herr Walt

    Ich schreiben meine Abschlussarbeit in der Schule über die Paraplegie und zwar ist meine Fragestellung: Werden Paraplegiker in Winterthur, die im Büro tätig sind, häufiger arbeitslos?

    Denken Sie, Sie könnten mir helfen und mit ein paar Fragen beantworten und Tipps geben?

    Ich freue mich auf Ihren Bescheid.

    Freundliche Grüsse

    Emina Kovacevic

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